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Running-Das Laufmagazin 04/2005

07.04.2005

Beschreibung

Die Liebe macht's: Aktive Läufer schneller
Sex vor dem Wettkampf

Von Marc Humpert


Seit Jahren werden in der öffentlichen Darstellung die Begriffe Sport, Sex und Erotik immer wieder in einem Atemzug genannt. Während für die Medien und die Industrie die Zusammenhänge von nackter Haut und Umsatz im Vordergrund stehen, interessieren Trainer und Athleten vor jeder Olympiade und bei jedem großen Turnier vorwiegend die biologischen Aspekte sexueller Aktivität vor dem Wettkampf. Kontrovers wird diskutiert, ob Sex vor einem Wettkampf die Leistungsfähigkeit reduziert oder, im Gegenteil, sogar hilft, einen Podestplatz zu sichern. Nicht selten verordnen Trainer ihren Spielern sexuelle Enthaltsamkeit. Immer häufiger fragen jetzt auch ambitionierte Hobbyläufer nach den physiologischen Folgen ihres sexuellen Verhaltens. Ist der Verzicht vor dem Marathon das i-Tüpfelchen in der Trainingsplanung?


Zehn Stunden zur Erholung

Tatsächlich bedeutet der Geschlechtsakt nicht nur Vergnügen, sondern auch körperliche Beanspruchung. Grundsätzlich erhöht sich die Stoffwechselaktivität, erkennbar an einem Anstieg der Körperkerntemperatur, der Herzfrequenz, des Blutdrucks und der Atmung. Beim Geschlechtsverkehr liegt der Energieumsatz durch den erhöhten Stoffwechsel bei circa 150 bis 200 Kalorien. Bei Ausdauersportlern hat dieser Energieverlust aber nur geringe Auswirkungen auf die sportliche Leistungsfähigkeit. Allerdings sollte das Liebesspiel am Vorabend nicht übertrieben werden. Ausdauernder Sex gehört nicht in die unmittelbare Wettkampfvorbereitung: Laut einer Studie der Universitätsklinik Genf benötigen Leistungssportler einen Zeitraum von circa zehn Stunden, um sich von den physiologischen Folgen zur erholen. Viel ausschlaggebender als der Energieverbrauch ist die hormonelle Reaktion auf sexuelle Stimulation und körperliche Belastung. Verantwortlich dafür ist das endokrine System. Ausgehend vom Hypothalamus, einem Teil des Zwischenhirns, steuert das endokrine System die Funktion von Organen im menschlichen Körper mit Hilfe von Botenstoffen (Hormonen). So sind zum Beispiel die Hormone Testosteron und Östrogen nicht nur an der Steuerung der Sexualität und Fortpflanzung beteiligt, sondern beeinflussen auch die Leistungsfähigkeit und die Wiederherstellungsprozesse während der Regenerationsphase. Komplexe Regelungskreise sorgen dabei für ein hormonelles Gleichgewicht. Eine Veränderung der Hormonkonzentration durch Sex kann die körperliche Leistungsfähigkeit vor einem Wettkampf beeinflussen.


Studie: unterschiedliche Wirkung auf Ausdauer und Schnellkraft

Der Wissenschaftler Dr. Frank Sommer von der Universitätsklinik Köln differenziert sportartspezifisch. In einer Studie an 39 Leistungssportlern aus verschiedenen Bereichen wurde die Ausdauer und Schnellkraft der Probanden nach dem Liebesakt getestet. Fand der sexuelle Akt nur wenige Stunden vor dem Test statt, war der negative Einfluss auf die Leistungsfähigkeit bei Schnellkraftsportarten besonders deutlich. Ursache war die Veränderung der Testosteronkonzentration im Körper. Beim Sex sinkt der Testosteronspiegel der männlichen Athleten; die Aggressivität sinkt. Zusätzlich werden beim Orgasmus Glückshormone ausgeschüttet, der parasymphatische (erholende) Teil des vegetativen Nervensystems wird aktiviert. Innere Ruhe, Gelassenheit und eine Entspannung der Muskulatur werden forciert, die Kontraktionsfähigkeit der Muskeln nimmt ab. Im Gegensatz zur Verschlechterung des Leistungsniveaus bei Schnellkraftsportlern scheint der ausdauernde Athlet von diesem Effekt unberührt. Bei anhaltender Nervosität vor dem Wettkampf hilft ein ausgeprägtes Liebesspiel am Abend vor dem Start, ausgeschlafen und entspannt den Wettkampftag anzugehen.


London-Marathon: Liebesaktive Läufer schneller

Bei Frauen wird dieser Prozess durch eine erhöhte Oxytocinausschüttung während des Orgasmus unterstützt. Oxytocin, eigentlich zuständig für die Milchbildung und die Kontraktion des Uterus, löst ein Gefühl von Wohlbefinden und Entspannung aus. Eine im Jahre 2000 veröffentlichte Studie der Universität Oxford bestätigt den Effekt: Von 2000 befragten Teilnehmern am London-Marathon waren die am Vortag sexuell aktiven Läufer im Durchschnitt fünf Minuten schneller als die enthaltsame Konkurrenz.
Athletinnen, die Ambitionen auf kurze Laufstrecken besitzen, sollten Sex ebenfalls in die unmittelbare Wettkampfvorbereitung integrieren. Im Gegensatz zu ihren männlichen Kollegen steigt bei Frauen der Testosteronanteil im Körper, verbunden mit einer unterstützenden Wirkung auf die Leistungsfähigkeit im Schnelligkeitsbereich.


Ausgeprägtes Verlangen

Für Männer ist eine ausgeprägte Aggressivität und Wachheit nur durch die Devise 'No Sex' vor dem Lauf zu erreichen. 'Verschlafen' Sie in jedem Wettkampf den Start und die ersten Kilometer, ist Enthaltsamkeit am Tag vor einem Lauf eine Maßnahme, um eine Steigerung des inneren Antriebs zu erzielen.
Der Verzicht sollte aber auf Ausnahmen beschränkt bleiben, um die positiven Auswirkungen eines regelmäßigen Lauftrainings nicht zu beeinträchtigen. Eine englische Studie hat ergeben, dass regelmäßiges und gesundheitsorientiertes Laufen, viermal wöchentlich eine halbe Stunde, Einfluss auf das Liebesleben hat. Aufgrund des erhöhten Testosteronspiegels infolge der Trainingsanpassung zeigen Ausdauersportler ein ausgeprägteres Verlangen nach sexueller Aktivität. Ein gesteigertes Liebesleben stärkt unterem anderem das Immunsystem, vertreibt Depressionen und erhöht demzufolge die physische und psychische Leistungsfähigkeit. Eine kontinuierliche Leistungssteigerung durch Training ist aber auch in diesem Punkt nicht zu erwarten. Extreme Belastungen wie hohe Trainingsumfänge oder häufige Wettkämpfe im Langzeitausdauerbereich beeinträchtigen die sexuelle Vitalität durch fehlende Regeneration. Eine verminderte Libido ist unter anderem ein mögliches Anzeichen für ein Übertraining. Bei Frauen kann eine übermäßige Zunahme der Laufkilometer zusätzlich zu einer Störung des Menstruationszyklus führen.


Schönste Nebensache

Obwohl der Zeitpunkt sexueller Aktivität je nach Geschlecht die Leistungsfähigkeit beeinflussen kann, sollten sich Läufer aber nicht nur nach ihrem Wettkampfkalender richten, sondern ihrem Partner und ihrer Lust den größten Einfluss auf ihr Liebesleben einräumen. So ist gesichert, dass Sex und Laufen die schönsten Nebensachen der Welt bleiben.

 


Diese Daten wurden am 10.04.2005 durch Marc Humpert veröffentlicht.
Letzte Änderung: 16.04.2005 | 16:11
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